Fae August

am Anfang der Woche zeigte uns Fae August das seine Musik für ihn wortwörtlich unter die Haut geht – Er ließ sich den Titel seiner heute veröffentlichten Single „Am Ende“ tätowieren.

Mit „Am Ende“ löst Fae August sich aus einer toxischen Beziehung, die ihm alles abverlangt.

Zeilen wie „Sind wir wirklich so am Ende?/ So am Ende?/ Viel zu früh“ singt er mit seiner gleichzeitig kratzigen und warmen Stimme, sodass sein Schmerz direkt nachempfunden werden kann.

Es ist tiefe Nacht in der Köpenicker Straße, diesem letzten Teil in der Mitte Berlins, der sich nicht so recht nach vibrierender Großstadt anfühlen will, mit seinen gespenstisch leeren Industriebrachen, Parkplätzen, auf denen Plastiktüten im Wind ihre Bahnen ziehen, mit den dunklen Hauseingängen. Straßenlaternen werfen ein oranges Licht auf die nasse Straße, hinter den meisten Gardinen ist es schon dunkel. Nur in einem Fenstersteht ein junger Mann und atmet kleine Wölkchen in die kühle, feuchte Luft und denkt an früher.

Denkt an Maximiliansau und Hagenbach, die kleinen Dörfchen in der südwestdeutschen Provinz, die zwar seine Heimat sind, aber gleichzeitig auch nicht, mit ihren Zwängen, mit den vorgezeichneten Lebensläufen. Denkt daran, dass er schon früh aneckte in dieser Enge. Er sieht an sich herunter, auf seine Tattoos, seine schweren Chrom-Ringe an den Händen. Auch wenn er es manchmal vermisst, da hat er nie hingepasst. Die anderen fangen eine Ausbildung an, er färbt sich seine Haare mit aggressiver Bleiche. Die anderen träumen davon, den Betrieb des Vaters zu übernehmen, er träumt von Exzess und Party, Rockstarträume. Er wusste, dass er woanders sein Glück versuchen musste. Als Musiker. Als Fae August. In Berlin.

Und hier ist er jetzt und starrt in den unendlich dunklen Nachthimmel.

Hinter ihm erleuchtet ein Monitor das winzige WG-Zimmer, die gecrackte Version eines Musikprogramms taucht die karge Einrichtung in ein ungesundes Blau. Ein paar Pizzakartons, ein paar Asia-Boxen, auf denen chinesische Drachen stumm ins Leere fauchen, er hat keine Zeit fürs Kochen, keine Zeit für Restaurants, es ist die Musik, die ihn fesselt, ihn auch jetzt gerade wachhält. Mit ihr dringt er gerade in Grenzbereiche ein, die ihn eh nicht schlafen lassen werden: Depressionen und Panikschübe, Süchte und Angstattacken. Fühlt tief in seinen eigenen Schmerz, betastet seine eigene Seele. Und füllt alle Risse und Kratzer mit einer betörenden Musik, in der sich seine vielfältigen Einflüsse widerspiegeln: Mit dem Sound verzerrter Gitarren, mit dem er aufgewachsen ist, Rock-und Punkrock. Bands, die gegen die Enge ihrer Zeit anspielten. Mit Rap aus der Mitte der 10er-Jahre, als Rapper aus den USA langsam einen Zugang zu ihrem Inneren fanden, Autotune und Codein ineinander rührten, 808s und gebrochene Herzen. Und trotzdem dabei Coolness und eine gewisse Härte behielten, klar, das Leben kann bitter sein, aber man kann es sich mit den schönen Dingen dieser Welt auch versüßen, mit Designer-Fashion, mit Autos, mit Liquor.

Er steht immer noch am geöffneten Fenster, nimmt einen Schluckaus der schmalen Weinflasche und schaut dem vorbeirauschenden Verkehr nach. Er hat wieder durchgearbeitet, kleine Notizen auf dem Handy hin-und hergeschoben, bis sich Zeilen und Hooks ineinander gefügt haben. Hat Spuren mit Instrumenten bearbeitet, bis er zufrieden leise Melodien mitsummen konnte. Bis er wieder die Vorfreude spürte, diese kleinen Momente puren Glücks. Wieder einen Song fertig, wieder dem Druck auf seiner Brust ein Ventil hinzugefügt. Er spürt, dass etwas Großes auf ihn wartet, eine Zukunft, die Besonderes bereithält. Aber da ist er noch nicht, er muss weitermachen. Er schließt das Fenster, setzt die Kopfhörer auf und setzt sich wieder an den Monitor, an den Song, an dem er arbeitet.

Er ist so in Sound und Gedanken versunken, dass er nicht merkt, wie hinter ihm die Sonne wunderschön und gleißend über Berlin aufgeht.

Von spezikay