LOTTEs neue Single über sexualisierte Gewalt „So wie ich“

LOTTE

LOTTE – SO WIE ICH | VÖ: 28.01.2022
Die größte Stärke von Musik ist, Gefühle auf eine Weise ausdrücken zu können, wo uns
Sprache im Stich lässt; Geschichten so kräftig nachzeichnen zu können, wo sonst jede
Stiftmine abbrechen würde; Erinnerungen so realistisch ins Gedächtnis zu katapultieren,
wo jegliche künstliche Intelligenz einen 404 Fehler anzeigen würde. Es ist wie gesagt ihre
größte Stärke – aber auch ihre schärfste Waffe. LOTTEs neue Single „SO WIE ICH“ ist der
beste Beweis dafür.

„SO WIE ICH“ erzählt die Geschichte eines Übergriffs und das so treffend und so
schmerzhaft, wie auch befreiend. Das liegt vor allem daran, dass LOTTE Raum gibt für
vermeintliche Widersprüche. Grenzenlose Wut trifft auf Verletzlichkeit, Angst steht
unbändigem Mut gegenüber, Kaputtes fügt sich zu etwas Neuem, Wunderschönen
zusammen. Alles davon ist echt und hängt miteinander zusammen.

Das gelingt LOTTE vor allem durch die Lyrics. Sie schafft einen sensiblen, respektvollen
Einblick in den gebrochenen Spiegel der Seele einer Traumatisierten und hält diesen
gleichzeitig absolut kompromisslos dem/der Täter*in vor. Auch wenn ihr Songwriting
immer schon autobiografisch geprägt war, legt „SO WIE ICH“ ihr Seelenleben so intim
offen, wie sie es sich bisher noch nie getraut hat. „Ich bin stolz auf meine bisherigen
Alben, aber da war auch viel Distanz dabei und die Angst, zu viel preiszugeben“, sagt sie
dazu. Mit fast 27 legt sie diese Angst ab, wandelt sie um in einen Angriff nach vorne,
einen Befreiungsschlag. LOTTE richtet sich direkt an den Täter, wenn sie singt: „Was hat
das mit dir gemacht? Lagst du auch noch wach? Hast dich gefragt: Was hast du falsch
gemacht? So wie ich, so wie ich, so wie ich.“ LOTTEs Welt ist seit dieser einen Nacht in
ein „Vorher“ und „Nachher“ unterteilt. Früher zog sie unbekümmert um die Häuser,
heute schließt sie Tür zweimal ab. Früher die Königin des eigenen Kiez, jetzt ist da das
Gefühl, die eigene Straße, das eigene Zuhause gehöre jemand anderem. Es sind diese
kleinen Details, die dem/der Hörer*in vor Augen führen, wie allumfassend ein Erlebnis
wie ein sexueller Übergriff die Welt des Opfer auf den Kopf stellt.

Man merkt, dass es LOTTE wichtig war, in „SO WIE ICH“ keine Klischees von
Opferrollen zu reproduzieren. Wir wollen kein Mitleid. Wir wollen Feingefühl. Wir
wollen kein tröstendes Tätscheln der Schulter, wir wollen ein offenes Ohr, das unseren
Geschichten zuhört. Sie ernst nimmt. Wir wollen keine Fragen mehr hören wie „Ja, aber
was hattest du denn an?“, oder „Warum trinkst du auch so viel?“. LOTTEs Standpunkt ist
klar: Sexualisierte Gewalt muss als gesamtgesellschaftliches Problem benannt werden. In
den offenen Gesprächen, die sie im Zuge ihres Übergriffs mit ihren Freund*innen führte,
wurde ihr selber erst klar, welche Präsenz sexualisierte Gewalt im Leben vieler Menschen
hat – auch in ihrem eigenem Umfeld. Sie wird nicht nur in Parkhäusern oder nächtlichen
Parks von anonymen Fremden ausgeübt. Sie findet auch im Ehebett statt, am Arbeitsplatz,
im Klassenzimmer und im Freundeskreis. Innerhalb der eigenen Familie. Vor allem sogar
dort. Diese Perspektive muss gesehen werden, um greifbare Veränderung zu erwirken –
für alle. Und um Heilung möglich zu machen. Mit „SO WIE ICH“ leistet LOTTE ihren
Beitrag, das Unsichtbare sichtbarer zu machen.

Wer den Song hört, merkt schnell, dass sich LOTTE nicht nur bei den Lyrics sehr viele
Gedanken gemacht hat, sondern auch dabei, den passenden Sound für die komplizierte
Gefühlswelt zu finden, die sie in „SO WIE ICH“ zeigen wollte. Noch nie hat sie so lang an
einem Song gesessen, insgesamt war es ein Jahr. Währenddessen entstanden sieben
Versionen des Songs. Auf manchen wurde geschrien, auf anderen waren die Beats laut,
wütend, theatralisch. Bis LOTTE merkte, dass es das gar nicht braucht, um dem Impact
eines sexuellen Übergriffs gerecht zu werden. Nur weil etwas nicht laut und wild
gestikulierend daherkommt, heißt das noch lange nicht, dass sich unter der Oberfläche
nicht riesige Wellen auftürmen würden. Und so wurde „SO WIE ICH“ zart, fragil und
leise und zieht gerade daraus seine heftige Wirkung.

Diese Wirkung wird mit dem Musikvideo zusätzlich unterstrichen. Wie schon beim
Sound reduziert LOTTE auch die Bildsprache auf das Nötigste. Sie zeigt sich verletzlich,
nahbar, im metaphorischem wie bildlichen Sinne, so trägt sie im Video Outfits, die viel
Haut preisgeben. „Verletzlichkeit zuzugeben und ein Video zu drehen, in dem ich Haut
zeige und mir Menschen so nahe kommen, dass es mir schon fast wieder Angst macht, das
war ein wichtiger Schritt”, sagt LOTTE heute. Da wären wir wieder beim Victimblaming
und Fragen wie „Was hattest du an?“ Auch LOTTE wurde damals gefragt, wie aufreizend
ihr Outfit in jener Nacht gewesen sei. Dass solche Fragen komplett in die falsche Richtung
gehen, zeigt sie mit dem Video auf einer weiterer Ebene und beweist: Fragilität ist ihre
größte Stärke und größte Herausforderung, aber auch ein Teil des Ausblicks auf die
Zukunft, der sie antreibt.
Mit „SO WIE ICH“ hat LOTTE die Oberfläche weit hinter sich gelassen und ist in die
trüberen, düsteren Gefilde der Popmusik und von sich selbst hinabgetaucht. Vom
fröhlichen Mädchen mit Gitarre ist sie zu einer 26-jährigen Frau mit einer
vielschichtigen, komplizierten und deswegen umso interessanteren Gefühlswelt
geworden. „SO WIE ICH“ ist gerade erst der (schmerzvolle) Anfang einer neuen Ära,
einer neuen LOTTE, die keine Angst hat, diesen Struggle auch zu zeigen. Der Song ist ein
Trostspender und eine Kampfhymne, den LOTTE in erster Linie für sich selbst
geschrieben hat, um stärker aus dem Erlebten hervorzugehen. Er ist aber außerdem
Stimme, für alle die, die nicht gehört werden und ein Weckruf an alle anderen, die Augen
zu öffnen, wenn Unrecht passiert und sich des vollen Spektrums bewusst zu werden, was
dieses Unrecht nach sich zieht. In all seinen Farben neben Schwarz und Weiß und in all
seinen Bezeichnungen zwischen „Betroffene*r und Täter*in“, sodass wir am Ende lernen:
Wir sind nicht allein. Wir sind nicht schuld. Und da ist Raum für Veränderung – positive
Veränderung. Und wir können alle ein Teil davon sein!

Foto © Linda Ambrosius

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