Rickie Lee Kroell – „Hauptsache nichts mit Menschen“

Rickie Lee Kroell

Gerade hat die gebürtige New Yorkerin noch Filmmusik in Los Angeles geschrieben, ein Kompositionsstudium gemacht, Jazzpop alla Norah Jones gesungen –
und jetzt ist die unkonventionelle Künstlerin zurück in München und bedient sich an Deichkind Texten und Syntheziser:
Die Single „Hauptsache Nichts mit Menschen“ ist eine Hommage an das Alleinsein-Wollen

„Im Deutschen sollte man ab und zu mit Worten spielen dürfen, sie verdrehen, wiederholen, ohne ins Banale abzurutschen, die Sprache gibt so viel her. Man freut sich an der kleinen Rebellion, dass die Sprache im Pop nicht “anständig” klingen muss. Rickie Lee Kroell’s Stimme bringt abstrakte Bilder ins Lot.
Ein Skillset aus Komposition, Sequencing, Songwriting, Performance, Tanz, Kunst und Sprache.“
“Ich möchte mich anders ausdrücken, und zwar nicht in mundgerechten Stücken.”

Keine Zeile könnte die vergangenen 18 Monate besser beschreiben als „Hauptsache nichts mit Menschen“. Dabei ist die neue Single von Rickie Lee Kroell Meilen entfernt davon, ein weiteres Pandemie-Kind zu sein. Bereits vor all dem Lockdown setzt sich die geborene New Yorkerin mit dem Heraustreten aus dem Alltagstrubel auseinander und bedient sich kurzerhand eines Textes der wohl schillerndsten HipHop-Band der Republik, Deichkind.

RICKIE LEE KROELLS EP ERSCHEINT IM JANUAR

Doch von vorn: feinster, anspruchsvoller Jazzpop á la Norah Jones, das war Kroell’s Weg 2010. Ein Kompositionsstudium in Berklee dazwischen und eine Karriere als Filmkomponistin in Los Angeles. Doch dann, die Rückkehr nach Hause, nach München, wo sie ihre Jugend verbracht hat, und zwar mit einer Idee: nämlich wieder selbst zu singen, und dieses Mal auf Deutsch. Doch wie jeder, der mal schnell zwischen unterschiedlichen Sprachen wechseln musste, weiß, dass das einfacher gesagt ist als getan.
Um sich wieder im Deutschen zu Hause zu fühlen und ein besseres Gespür dafür zu bekommen, holt sich Kroell den Produzenten Julian Collet an die Seite. Das Ziel: fünf Covers von Künstlern mit deutschen Texten der Extraklasse, und das in zehn Stunden Arbeit pro Song. Kreative Autobahn praktisch.
„Hauptsache nichts mit Menschen“ ist das zweite Ergebnis dieser Reihe und alles andere als die Depression der letzten beiden Jahre. Organische Synthesizer und Klänge von der Straße schwimmen auf einem Fundament aus Bassrhythmik und dichten Clustern, die einem schon gerne mal Respekt einflößen. Alles umspielt von Rickie Lee Kroells Stimme, die wie eine luftige Blume durch den Song immer weiter aufblüht und dem Track beim Hören immer mehr Facetten verleiht. Heraus kommt eine gewaltige Hommage ans Alleinsein, oder eben das Nicht-Alleinsein, kraftstrotzend, voller Spannung und Gegensätze doch vor allem eins: unverwechselbar.

Eine Hommage ans Alleinsein-Wollen und das Rausreißen aus dem Trubel
Aus einem Experiment entstanden, um zu sehen, ob RLK auf Deutsch gut klingt
10 Stunden für diesen Track, Zeitlimit
Rhythmische Abwandlung vom Original, harmonisch dichte Clustergesänge (bulgarische Frauenchöre als leichtes Vorbild), Experimente mit verdreht eingesungenen Vocals, die wiederum verdreht wurden, vertrackte rhythmische Komposition aus Synth, Sounddesign, Found Object; Texte blieben identisch und unangetastet
In München im Sonic Rebels Studio entstanden; Vocals brauchten etliche Anläufe um den richten Vibe zu finden (im Liegen auf dem Rücken, ganz zusammengekauert, offen und stehend, etc)
Einer der Favoriten der EP, Bassline ist super geil, und die harmonische Information verändert sich von Chorus zu Chorus durch hinzustoßende Harmonies und blüht mehr und mehr auf
Sehr cleaner Sound mit viel Ausdruck und Wumms in Bass, Harmonie und Rhythmus; entgegen wirkt die eher sanftere doch unverwechselbare Stimme und kreiert eine Balance
Persönlicher Bezug da ich gerne auch alleine bin und sein möchte

Im Deutschen sollte man ab und zu mit Worten spielen dürfen, sie
verdrehen, wiederholen, ohne ins Banale abzurutschen, die Sprache gibt so viel her. Man freut sich an der kleinen Rebellion, dass die Sprache im Pop nicht “anständig” klingen muss.
Rickie Lee Kroell’s Stimme bringt abstrakte Bilder ins Lot.
Ein Skillset aus Komposition, Sequencing, Songwriting, Performance, Tanz,
Kunst und Sprache. Ein Gesamtpaket aus Kunst, das offstage wenig spricht aber sich durch Texte oder Musik zum Ausdruck bringen möchte, als Ergebnis des täglichen Beobachtens.
Die implosive Kraft kommt durch eine charmante, fast willkürliche Eloquenz
zutage, mit Tiefgang und behebender, sprudelnder Energie wie beim
Zweikampf.
“Ich möchte mich anders ausdrücken, und zwar nicht in mundgerechten Stücken.”

Weg vom Belehrenden, Bullshit-Lebensbejahenden, Klaren – offen für das
Andere, Unkonventionelle, Aneckende. Man will nachdenken und sich Bilder
machen und sich fragen, was mit dem Text gemeint sein soll. Wie bei einem guten Film, der noch Tage danach im Kopf hängt, wünsche ich mir meine Musik: dass sie nachhallt in Ohren, und nicht nur für die nächsten 15 Minuten.
Dieses Projekt ist mir deswegen so wichtig, da ich endlich nach langen Jahren im Ausland zu Hause in Deutschland ankommen möchte, und Sprache ist für mich eines der Werkzeuge beim Ankommen. Texte sind mir wichtig, denn mit ihnen steht und fällt ein Song meiner Meinung nach, besonders auf Deutsch. Deichkind sind Meister des Textes, und mein Projekt mit dieser EP ist mehr oder weniger eine Hommage an die deutsche Textkultur.
Wenn mir Kollegen aus Los Angeles tolles Feedback zu den Songs geben, bedeutet mir das wahnsinnig viel, denn: die Musik sprach sie über den Text hinaus an. Hier wurde Musik wieder eine universelle Sprache.
Zusammen mit Julian Collet, einem unglaublichen House- und Melodic Techno-Produzenten, haben wir eine Symbiose geschaffen, die ich selten so erlebt habe. Seine Sounddesign-Magie, sein Gespür für Lines und Struktur, gepaart mit meinen harmonischen Visionen, Arrangements und Sinn für Melodie ergaben ein wunderbares Projekt, das dann am Ende zu schade für die Schublade wurde. Wir mussten raus mit diesen Songs.
Ich flog nach Los Angeles, um das Video für “Hauptsache nichts mit Menschen” zu drehen. Ein Regisseurfreund, mit dem ich als Komponistin schon an einigen Projekten gearbeitet hatte, sagte sofort zu, und im kleinen Team schafften wir ein echt starkes Video mit trippy Konzept.

Wir haben unsere letzte Release “Investment 7” vom Produzenten von Israeli Indie-Star Noga Erez mischen lassen, Ori Rousso. Die Zusammenarbeit war super angenehm, außerdem bin ich Riesenfan von Noga. Besonders von ihrem Track “Cash Out” bin ich fasziniert, sowie von ihrer Live-Rescore-Reihe mit Streichern.

FotoCredits: Louisa Stickelbruck

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