ZUSTRA erschafft auf ihrem Debüt Musik zwischen Abgrund und Hoffnung

ZUSTRA

Der Traum ist tot. Die Welt gibt einem derzeit zumindest genug Anlässe, das zu meinen. Und, nun: Wer würde sich schon hinreißen lassen, von etwas Höherem zu träumen: von Vernunft, von Gerechtigkeit, vom Ende des Leids?

Die kroatisch-deutsche Künstlerin ZUSTRA erschafft Musik, die irgendwo zwischen Abgrund und zarter Hoffnung changiert. Die Singer-Songwriterin und Produzentin hat ein feinsinniges Gespür für eben dieses Helldunkel unseres Daseins, mehr noch: Sie macht aus ihm Klänge, die der Hamburger Musikblog Poule d’Or beschrieb als „dark dream pop that develops into a full blown James Bond theme“. Und ja, ihr cinematischer Art Pop weckt Assoziationen: Twin Peaks, Lars von Triers Melancholia – und soll Dune nicht eh noch mehrere Teile bekommen?

Und so wundert es nicht, dass BBC Radio 6 im Jahr 2019 gleich einen ihrer ersten Songs „Twinkling Of An Eye“ spielte, der Musikexpress ihre Single „Back to Dark“ als Premiere feierte und das Stadtmagazin tip ZUSTRA zu den wichtigsten Newcomer:innen Berlins 2021 wählte.

Nach international vielbeachteten Singles erscheint nun ihr Debütalbum „The Dream Of Reason“. Titel und Cover sind eine Hommage an eines ihrer Lieblingsbilder: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ des spanischen Malers der Aufklärung Francisco de Goya. Als Studentin jobbte die ausgebildete Journalistin in einer Kunstgalerie, wo dieses Motiv – in Form eines überdimensionalen Banners neben ihrem Schreibtisch – sich tagein, tagaus in ihr Gedächtnis brannte. „Mich reizt dieses Spannungsfeld zwischen Realität und Traum und die Frage, was eigentlich die verhängnisvollere Illusion ist: Das Folgen einer Fantasie oder der Glaube an die eigene Vernunft“, sagt sie.

Herausgekommen sind zwölf Songs, die einem vor allem den Glauben an Pop zurückgeben: epischer, transzendenter Avant-Pop, der keine Scheu hat vor den ganz großen Fragen. Das hat auch mit ihrer Biographie zu tun: Als Kind floh sie vor dem Krieg in ihrer Heimatstadt Dubrovnik. Brüche sind ein Grundmotiv von ZUSTRA, genauer gesagt: deren Überwindung. „Mich hat die Vanitas immer sehr getröstet, die barocke Symbolik unserer Vergänglichkeit. Aller Schmerz und alle Schönheit vergeht, und ich finde das nicht deprimierend, sondern heilsam. Den Farn etwa, meine Lieblingspflanze, gibt es schon seit 360 Millionen Jahren – wer wär ich denn, meine Zeit hier überzubewerten? Irgendwann bin ich Erde, und es werden Sachen aus mir wachsen, zum Beispiel Kartoffeln, hoffentlich – wie super ist das denn?!“, sagt sie und lacht.

Und so erschafft die Musikerin einen eigenen Kosmos mitsamt eines berauschenden Soundtracks aus sphärischen Synthies, monumentalen Drums wie etwa bei Woodkid – das Werk ihres Schlagzeugers Danny Weber, der mit ihr produziert –, einer Bühnenpräsenz, die an Florence+the machine erinnert und einer Stimme, über die es im britischen „You haven’t heard this music podcast” hieß: „Her voice is so alluring, almost like a siren call. If I was in a ship with her mermaid call, I’d be in the damn river now!“

Und erst die Lyrics! Als hätte man ihr Geheimnisse der Welt zugeflüstert, verknüpft ZUSTRA vollkommen organisch Shakespeare’s Macbeth mit Star Wars, bekommt mühelos den Psychoanalytiker Jacques Lacan und den Außerirdischen E.T. in einem Satz unter, zitiert die polnische Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska ebenso wie Joachim Ringelnatz und flechtet mal eben Zeilen auf Französisch und Kroatisch ein.

Auch ihre Musikvideos produziert sie in Eigenregie: In einem Animationsfilm offenbart ein Oktopus, dass auf dem Grund des Meeres sich das Tor zum Weltall öffnet, im nächsten erkundet ZUSTRA entrückt mit einer Glaskugel auf dem Kopf und einem Mega-Mantel irgendwo zwischen Handmaid’s Tale und Shyamalans Horrorfilm „The Village“ eine Sumpflandschaft voll toter Bäume, wieder in einem anderen Video streift sie als eine Art Bowie’eskes Spektralwesen mit Unterwasser-Friese und Marmor-Kleid durch das Berliner Naturkundemuseum und erforscht mit viel Lust am Absurden unser Dasein: „I wanna cry, but it’s also funny“, resümiert sie in „Walking On The Moon“ – nostalgisch, futuristisch, oder vielmehr: wundersam zeitlos.

Alledem wohnt eine stille Kraft inne, die beim Hören spüren lässt: Alles hängt mit allem zusammen. „Ihr musikalischer und persönlicher Intellekt ist zutiefst beeindruckend, ihr Geist kann nicht eingedämmt werden“, schrieb der Musikblog Female Voices Promo über ZUSTRA. Dass man davon aber auf keinen Fall eingeschüchtert sein sollte, wird eigentlich sofort klar, wenn man der Künstlerin auf Instagram folgt: Dort teilt der Snack-Fan munter selbsternannten „Knusper-Content“, Flirttipps von Kurt Krömer oder rankt mitten in der Nacht auch mal die schönsten Gartenvögel. Ein durchaus schillerndes Spektrum.

„The Dream Of Reason“ ist ein großes Werk, ein weites, ein tiefes.